Imressum Brigit Edelmann

Wo soll nun der Maulwurf wohnen?

Diese Frage stellt sich Brigit Edelmann in ihrer Arbeit Titel. Es ist eine Frage nach der nationalen Identität; der nationalen Identität des Maulwurfs, um genau zu sein. Zugrunde liegen dieser Frage Edelmanns Versuche, die Erde fremder Länder nach Deutschland zu importieren. Den telefonischen Prozess des Scheiterns an den behördlichen Strukturen präsentiert sie in ihrer Ausstellung liminal in der Galerie Coucou und dem Ausstellungsraum Lage. Was ist es, das ein Land ausmacht? – Seine Erde, behauptet Edelmann. In absurden Gesprächen über Importbedingungen der Flughäfen und nationalen Pflanzenschutz lässt sie ihre Idee des erdigen Staatskonstituenten mit der behördlichen Realität kollidieren. Die Kollision zeigt, es gibt mehr als nur eine Realität. Nicht die Erde, nicht der Boden scheinen ein Land auszumachen, sondern seine Grenzen; seien sie behördlich organisiert, ideell oder als Zaun tatsächlich sichtbar.

Eine Grenze ist so etwas Nicht-Greifbares. Sie ist ein Ort zwischen zwei Orten. Transitzone, häufig unsichtbar. In ihrer künstlerischen Arbeit zielt Edelmanns Blick direkt gerichtet auf diese Orte. Dabei versucht sie, das Unsichtbare sichtbar zu machen. So auch in ihrer Arbeit Titel. In der gegenläufigen Projektion zweier Fotografien der deutsch-schweizerischen Grenze legt sie offen, was faktisch nicht sichtbar ist. So zeigt das eine Bild den Blick auf die Grenze von der deutschen Seite aus, das andere zeigt den Schweizer Blickpunkt.

Tatsächlich handelt es sich um eine schlichte Wiese, grün und idyllisch – einen Grenzzaun gibt es nicht. In der Projektion beider Fotografien zeichnet sich in der Verschränkung der Bilder eine Trennlinie ab. Ein visuelles Phänomen, das jedoch in seiner Surrealität weitaus mehr vermag Realität zu zeigen, als die einzelnen Fotografien selbst.

Die Verschmelzung der beiden Standorte der eben beschriebenen Arbeit deutet ein weiteres Arbeitsprinzip Edelmanns an: die Dualität, also die Koexistenz zweier parallellaufender Prozesse und Orte. Die Sprache Edelmanns Textarbeit Titel ist durchzogen von Formulierungen, die immer wieder versuchen, die Komplexität der Parallelität von Handeln in das eigentlich lineare Kommunikationssystem Sprache zu transformieren. Aus etwas Pluralem etwas Lineares machen, sozusagen. Das fast banale Runterbrechen dieses Prinzips offenbart jedoch eine essenzielle Problematik, der sich Edelmann in ihrer Arbeit stellt: Wenn Sprache unsere Welt konstruiert, was passiert dann mit den Dingen, die nicht ausgesprochen werden?

Eben jene Dualität lässt sich auch im Ausstellungsraum selber wiederfinden. Nicht von ungefähr findet Edelmanns Ausstellung liminal an zwei Ausstellungsorten statt: der Galerie Coucou und der Lage. Sich die selbe Postanschrift teilend, verbindet die beiden Häuser ein gemeinsames Treppenhaus, obgleich jedes über einen eigenständigen Zugang verfügt. Das Treppenhaus, separater Zugang zu den Ausstellungsräumen und Grenze zugleich, trennt und verbindet die beiden Galerien. Die Soundarbeit Titel findet sich an diesem Zwischenort platziert. Zwei Lautsprecher auf Stativen stehen an der Türschwelle des jeweiligen Ausstellungsraums. Zu hören ist die St. Galler U-Bahn, sie verbindet Hügel und Tal. Den Blick des Betrachters auf den Transit-Gang fokussierend, assoziiert die Soundarbeit gleichzeitig den Flur mit einem Bahnsteig. Wir verlassen die Galerie Coucou. Nächster Halt: Lage.

Zwei unterschiedliche Orte, durch Edelmanns Ausstellung jedoch zu einem vereint. Die Grenze zwischen beiden Ausstellungsräumen hebt Edelmann dabei bewusst hervor. Ihre Arbeit Titel zeigt Stopfwatte, gestopft in den Spalt einer verbauten Tür in den Räumen der Galerie Coucou. Die Tür führte in den Zwischenraum der beiden Ausstellungsräume. Edelmann schließt die Lücke, gleichzeigt macht sie so erst auf diese aufmerksam. Das Stopfmaterial entnahm sie dem Fundus der Lage. Es sind die Orte dazwischen, die Edelmann interessieren: Unorte, Off-Räume, Transitzonen. Dabei lässt Edelmann die Raumgrenzen verschwimmen.

Wo fängt das Dazwischen an? –  Wo die Stopfwatte der Arbeit Titel noch auf eine klare Grenze hinweist, verschwimmt die Wahrnehmung der Außengrenzen des Raums in Edelmanns Sound- und Videoarbeit Titel. Zu sehen ist das Innere einer Querflöte, zu hören das Spiel vom Laternenanzünder aus Carlo Domenicos Musik für den kleinen Prinzen. Was fehlt, ist der Klang, erzeugt durch den Luftstrom des Spielenden. Einzig die Klappenbewegungen sind sicht- und hörbar. Nun schaut der Betrachter ins Innere der Flöte, sieht den Raum, indem der Ton erzeugt werden soll, obgleich keiner erzeugt wird. Im Gegenzug ertönt das klappern der Klappen im Ausstellungsraum. Edelmann richtet in ihrem Video nicht nur den Blick auf den Ort der Klangproduktion, gleichzeitig lässt sie den Ausstellungsraum selbst Klangraum werden. Dabei verschwimmen seine Grenzen; nicht mehr die Tür wird zur Schwelle, sondern die Vernehmbarkeit des Klangs.

Immer wieder stellt sich Edelmann in ihrer Arbeit die Frage nach den Dingen, die Orte erzeugen und den Momenten, die zwischen diesen Orten liegen. Seien es behördliche Strukturen, Karten, Erde, Wände, politische Grenzen, Klang oder eine Zugfahrt. In der Verschränkung dieser unterschiedlichen Raumkonstituenten zeigt sie, dass Realität mit Realität nicht immer deckungsgleich sein muss. Wände zeichnen einen anderen Raum als Klang, Grenzen sind nur Hindernis für jene, die sie konstruieren.

Wenn man sich zuletzt nun noch einmal die Frage anschaut, wo nun eigentlich der Maulwurf wohnen soll, so bleibt die Antwort offen. Der Maulwurf hat keine Sprache, sich diese Frage zu stellen. Ich glaube jedoch, es stört ihn auch nicht.

Text: Marvin Madeheim

Home Home